Sie verbinden in Ihren Programmen Humor, politische Bildung und eine klare Haltung. Woher kommt Ihr persönliches Interesse an entwicklungspolitischen Themen – und was reizt Sie gerade an der Zusammenarbeit mit Misereor?
Jürgen Becker: Um unsere freie Gesellschaft gegen autoritäre, rechtsextreme Kräfte zu verteidigen, sollten alle zusammenarbeiten, die sich eine demokratische, solidarische Welt wünschen. Religiöse Überzeugungen sollten hinter der Frage zurückstehen, ob unser gemeinsames Tun die Situation der Menschen dieser Erde verbessert oder nicht.
Das Misereor-Motto „Hier fängt Zukunft an“ könnte fast aus Ihrem Bühnenprogramm stammen. Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Frage, wie wir als Gesellschaft die nächsten Jahrzehnte gestalten. Welche gedanklichen Schnittmengen sehen Sie zwischen Ihrem Programm und der Fastenaktion?
Jürgen Becker: Alle, die ihre sieben Sinne beieinanderhaben, spüren, dass nach sieben Jahrzehnten ständig steigenden Wohlstands in Deutschland diese Ära zu Ende geht. Das bisschen Wachstum, was wir jetzt vielleicht noch erwirtschaften, geht für Transformation, Verteidigung und den Erhalt der Infrastruktur drauf. Insofern stellt sich unabhängig vom Fasten jedem die Frage: Was gewinnen wir, wenn wir verzichten?
Sie treten oft als „Aufklärer mit Kabarett“ auf und scheuen nicht die großen Fragen – auch nicht die kirchlichen. Wie blicken Sie aus diesem Blickwinkel auf die Weltkirche und ihre Verantwortung im globalen Kontext?
Jürgen Becker: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Nachfolger Donald Trumps sein Vize J.D. Vance wird. Und der ist überzeugter Katholik. Was zeigt, dass der Katholizismus auch heute noch eine offene Flanke zur Barbarei und zum Autoritarismus hat. Insofern muss man die katholische Kirche in jedem Einzelfall skeptisch und sorgfältig prüfen. Sie kann Brutstätte des Bösen sein oder wunderbare Dinge bewegen. Die „Weltkirche an sich“ gibt es nicht.
Humor ist Ihr Werkzeug, um gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen, ohne zu moralisieren. Welche Rolle spielt Humor für Sie, wenn es um Themen wie Gerechtigkeit, globale Verantwortung oder Solidarität geht? Kann Lachen ein Motor für Engagement sein?
Jürgen Becker: Lachen ist ein Reflex, den wir nicht genau steuern können. Insofern ist Humor immer eine Form von Kontrollverlust, den autoritäre Herrscher fürchten. So passt der Prozess eines Moskauer Gerichtes gegen den Düsseldorfer Jacques Tilly perfekt in dieses Bild. Der Despot Putin hat Angst vor Pappmaché und einem Karnevalszug am Niederrhein. Vor der russisch-orthodoxen Kirche aber muss Putin keine Angst haben. Die ist dem Kriegsverbrecher im Kreml treu ergeben. Man könnte es also so zusammenfassen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Philosophie ist, wenn man trotzdem denkt und Religion ist, wenn man trotzdem stirbt. In jedem Fall aber gilt: Eine Religion ohne Humor ist brandgefährlich.

