Mit einer Würdigung der Arbeit und einem Blick zurück endete das Stadtkomitee vor wenigen Tagen am 28. Januar im Paulushaus, wo es 1969 auch gegründet worden war. Wie die Auflösung der Pastoralkonferenz (PaKo) der Hauptamtlichen, soll der Abschluss zugleich den Beginn neuer „Netzwerk"-Strukturen ab April dieses Jahres ermöglichen.
Wie alles begann: Die Entstehung des Stadtkomitees
Zur Historie des Stadtkomitees: Zum „Volk Gottes“ aller Gläubigen hatte sich das Vatikanische Konzil der Weltkirche (1962 bis 1965) bekannt. Als Folge des Aufbruchs hatten sich bis Mai 1968 zwanzig „Pfarrkomitees“ mit 439 Mitgliedern gebildet. Wie diese Gremien „vor Ort“ die Mitverantwortung übernahmen, so sollte es das „Stadtkomitee der Katholiken“ stadtweit tun: Der „Blick über den Kirchturm hinaus“ führte zu Erfahrungsaustausch und gemeinschaftlichen Projekten. Zugleich war dieser Zusammenschluss ein Bekenntnis zur Verantwortung als Kirche in der Stadtgesellschaft. Dazu sollten Kontakte zu anderen Glaubensgemeinschaften genauso gehören wie zu außerkirchlichen Einrichtungen und zur Kommune.
Ein einzigartiges Gremium – und seine wegweisenden Entscheidungen
Die Zusammensetzung des Gremiums war damals einzigartig: Die Geistlichkeit und katholische Institutionen waren vertreten. Die Mehrheit aber stellten ehrenamtliche Vertreter aus den Pfarreien und den mitgliederstarken Verbänden, wie zum Beispiel der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB), Kolping oder den Frauengemeinschaften (kfd). Auch der Vorsitz wurde ehrenamtlich besetzt. Die Vereinigung der getrennten Dekanate Süd und Nord zu einem gemeinsamen Stadtdekanat (1974) ging ebenso auf das Engagement des neuen Gremiums zurück, wie weitere Initiativen, die heute selbstverständlich erscheinen: Aufgebaut wurde ein Stadtbüro (1970), die Zentralrendantur für die kirchliche Vermögensverwaltung (1976), die ökumenische Telefonseelsorge (1977) und die Optimierung der Kooperation von damals 17 Verbänden und Organisationen durch ein „gemeinsames Dach über dem Kopf“ (1981). In dem Haus an der Kemnastraße erhielten auch, wie geplant, die Ehe- und Familienberatung und die zwölf inzwischen gegründeten Bildungswerke ihre Heimat.
Ein Name mit Haltung: Das Erich-Klausener-Haus
Zehn Jahre nach dem Einzug votierten Stadtkomitee und der Verband der Kirchengemeinden nach einem einjährigen Vorschlags- und Diskussionsprozess bewusst für den Namen „Erich-Klausener-Haus“ (1992). Diese Entscheidung war programmatisch: Erstens hatte Klausener (1888 bis 1934) als „sozialer Landrat“ seine Glaubensüberzeugungen selbstständig und selbstverständlich in sein Familienleben, den Beruf und das politische Wirken, wie auch in sein ehrenamtliches Engagement eingebracht – genauso verstehen wir vorbildliches Christsein in der Moderne. Zweitens betonte das Stadtkomitee mit der Erinnerung an ihn, ein Mordopfer der NS-Diktatur, die Bedeutung der Gedenkkultur als eine der Grundlagen der so wichtigen Demokratieerziehung.
Vernetzung, Stadtwallfahrten und Ehrenamt – gelebte Stadtkirche
Zur Vernetzung der Katholiken als Basis gemeinsamen Handeln trugen auch Stadtwallfahrten und die großen Ehrenamtstage bei; 2022 wurden 395 Teilnehmer gezählt. Bedeutsam sind auch die Entwicklung der Ökumene, wie in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirche (ACK, 1978) oder die Kooperation mit der schon 1961 gegründeten Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. Auch der Synagogenneubau wurde durch eine Solidaritätsaktion beider Kirchen unterstützt. Wesentliche Impulse für die Stadtkirche gingen vom Recklinghäuser „Stadtkonzil“ 2016 bis 2019 aus, das fünf Schwerpunkte zur Erneuerung benannte.
Schwerpunkte der Erneuerung – und neue Formen kirchlichen Lebens
Dazu gehörten Projekte wie die Gemeindeleitung ohne Priester, die Jugend, Engagement bei katholischen Trägern, die Schaffung spiritueller Begegnungsräume und eine einladende Öffentlichkeitsarbeit. Das letztgenannte Ziel wurde im Online-Portal der Stadtkirche und mit der Herausgabe des Monatsmagazins „geistREich“ für alle Haushalte seit 2014 umgesetzt. Bewusst hatte sich das Stadtkomitee 1986 auch in die 750-Jahr-Feier unserer Stadt eingebracht: Der „Tag der katholischen Gemeinden“ zwischen Pauluskirche und Hittorf-Gymnasium und entlang der Kemnastraße mit

Gottesdienst, Informationsständen und Diskussion zu gesellschaftlichen Fragen brachte 6.000 Teilnehmer ins Gespräch. Zur nachhaltigen Wirkungsgeschichte gehörte 1986 u. a. die Gründung der Arbeitsgemeinschaft der Eine-Welt-Kreise. Gerade die Mitverantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und die Schaffung einer gerechteren Weltordnung gehören zu den Kernanliegen, die aktiv in die Stadtgesellschaft eingebracht werden: Dazu gehörten Projekte wie stadtweite Sponsorenläufe, Benefizkonzerte, Gottesdienste, der „Recklinghäuser Kaffee“, Kinoprogramme, Lesungen, „Faire Rosen zum Muttertag“, „Goldhandys“ oder die Begegnung mit engagierten Menschen aus aller Welt. Die „Soli(daritäts)-Brot“-Kampagne 2025 auf dem Rathausplatz ist noch in Erinnerung!
Pilgerwege, Gedenkkultur und Einsatz für Demokratie
Die ökumenische Feier „1200 Jahre Christliche Gemeinde“ bewegte die Menschen der Stadt im doppelten Wortsinn 1989/90 ein Jahr lang. Neben zahlreichen Veranstaltungen erreichte der „Pilgerweg des Kreuzes“ alle Stadtteile. Der im Weltkrieg zerstörte Christus-Torso aus St. Peter erinnerte nicht nur an die Leiden von Krieg und Gewalt: Er ist ein Aufruf an uns, für Frieden und Menschlichkeit einzutreten. Ein zweiter „Pilgerweg“ folgte zur Jahrtausendwende. Zu diesem Engagement gehört auch die Mitarbeit im „Bündnis für Toleranz und Zivilcourage“ der Stadt seit der Gründung im Jahr 2000. Ein Beitrag dazu sind die jährlichen Gedenkgottesdienste zum Tag der Opfer der NS-Diktatur, in 2026 in St. Antonius. Mit zahlreichen Stellungnahmen zu grundsätzlichen Fragestellungen, vor allem zum Einsatz für Menschenrechte, wie z.B. beim Aufruf zur Europawahl 2024, beteiligte sich die Vertretung der Stadtkirche am demokratischen Diskurs.
Vielfalt der Begegnungsorte – Kirche im Quartier
Begegnungsorte: Die Bürgerschaft begegnet unseren 21 Gemeinden, den Verbänden, Kindergärten, Sozialverbänden, zahlreichen Beratungsstellen und Bildungseinrichtungen, offenen Treffs, Krankenhäusern, Schulen, Jugendeinrichtungen oder Seniorenheimen in allen Stadtteilen. Die „Tage der katholischen Gemeinden“ 2004 und 2009 auf dem Altstadtmarkt mit ihren Veranstaltungen und Informationsständen waren offene Angebote, ins Gespräch zu kommen. Auch das 2024/25 entwickelte Projekt „Leuchttürme“ lädt an über 100 Orten ein zur Teilnahme an der Gemeindearbeit im Quartier oder den zahlreichen Begegnungs- und Hilfsmöglichkeiten vom Jugendzentrum Areopag zur Recklinghäuser Tafel und zum Weltladen – oder auch zum eigenen Mitmachen! Zur Weihnachtszeit engagierten sich gerade wieder auch nichtkirchliche Gruppen auf Einladung des Stadtkomitees in der „Hütte der guten Taten“.
Text: Georg Möllers
Dieser Artikel erschien zunächst der aktuellen geistREich, Magazin der Stadtkirche Recklinghausen.
- Eine ausführliche Dokumentation fasst die Arbeit des Stadtkomitees, seine Projekte, Veranstaltungen und Schwerpunkte in den vergangenen Jahren von 2022 bis 2026 zusammen. >> Broschüre herunterladen <<

