Jan Alef ist Kaplan in der Pfarrei St. Antonius und wird im Juni der neue Burgkaplan auf der Jugendburg Gemen.
Ende 2024 traf ich einen Jugendlichen zweimal in einer Messe am selben Tag. Aus der Begegnung hat sich eine Gruppe von Jugendlichen entwickelt, die sich intensiv mit Glaubensfragen auseinandersetzt. Ich bin seitdem sonntäglich im
Areopag verabredet. Zwischen fünf und zehn Jugendliche sind regelmäßig dabei. Sie kommen mit wenig Wissen, aber ganz viel Interesse.
Mir wird bewusst, wie groß der Einfluss von Social Media auf Jugendliche geworden ist. In der digitalen Welt haben sich „Christfluencer“ etabliert. Der Begriff bezeichnet Menschen, die ihren Glauben im Internet sichtbar machen. Sie posten Bibelverse, berichten aus ihrem persönlichen Glaubensleben oder sprechen über religiöse Fragen: Wie kann man im Alltag beten? Wie findet man Hoffnung in schwierigen Zeiten? Und was bedeutet es heute eigentlich, Christ zu sein?
Für viele Jugendliche sind sie ein erster Berührungspunkt mit Glaubensthemen. Christfluencer begegnen der Zielgruppe dort, wo sie sich ohnehin aufhält: auf dem Smartphone. Es entsteht eine Glaubenskommunikation, die niederschwellig und persönlich wirkt. Den meisten Christfluencern geht es nicht um Perfektion oder theologische Vorträge. Sie erzählen ihren Weg mit Gott – mit Zweifeln und persönlichen Erfahrungen. Fast alle wollen mit ihrem Account Geld verdienen. Kann Verkündigung so funktionieren? Es besteht die Gefahr, dass der Glaube zu stark vereinfacht wird!
Unterkomplexe Aussagen zu Bibelstellen und zu theologischen Fragen befeuern Schwarz-Weiß-Denken. Da gibt es sprichwörtlich nur die Wahl zwischen Himmel oder Hölle. Solche Vereinfachungen zeigen, dass die Kirche sich mit der digitalen Welt ernsthaft auseinandersetzen muss. Gleichzeitig öffnet sich eine große Chance: Christen haben immer die Medien ihrer Zeit genutzt. Die sozialen Netzwerke sind ein neuer Missionsraum. Der Erfolg der Christfluencer erinnert daran, dass der Glaube nicht an Gebäude gebunden ist. Er lebt dort, wo Menschen ihren Alltag teilen, Fragen stellen und Hoffnung suchen – auch digital. Es gibt Christfluencer, denen nur auf Instagram über 300.000 Menschen folgen. Die Zahlen wachsen rasant!
Für viele der Jugendlichen sind die digitalen Stimmen prägend – oft stärker als kirchliche Angebote. Einige sind nicht getauft, wenige haben einen Bezug zur Pfarrgemeinde, aber alle suchen Halt. Ihre Lebenswirklichkeiten sind: Krieg in Europa, wieder eingeführte Wehrpflicht, Klimakrise, unsichere Zukunftsaussichten. Auch Seelsorger in Ochtrup, Coesfeld und Ibbenbüren berichten mir von jungen Menschen in Gottesdiensten. Es sind noch nicht viele – die meisten suchen im Internet. Wie werden unsere etablierten Strukturen attraktiv für junge Menschen? Geben wir Antworten auf diese Suche?
Wir in Recklinghausen können jedenfalls dankbar sein für das Raum- und Personalangebot, welches das Areopag bietet. Erreichbarkeit ist immer ein guter Anfang.
Dieser Artikel erschien zunächst in der April-Ausgabe von geistREich, dem Magazin der Stadtkirche Recklinghausen.

